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Konsumtheorie


1. Bedeutung. Konsum stellt die quantitativ bedeutsamste Komponente des Bruttosozialproduktes dar. Im Zeitraum 1970/84 entfielen in der Bundesrepublik durchschnittlich 56 v.H. des Sozialproduktes auf die Verwendungskategorie "privater Konsum". Damit bestimmt die Höhe des Konsums nicht nur die konjunkturelle Entwicklung eines Landes (Konjunkturtheorie), sondern  da Sparen ex definitione die Differenz zwischen verfügbarem Einkommen und Konsum ist  über die Vermögensakkumulation und die damit verbundenen Finanzierungsmöglichkeiten auch die zukünftigen Produktionsmöglichkeiten (Wachstumstheorie).
2. Begriffe. Man unterscheidet zunächst zwischen privatem und staatlichem Konsum. Ersterer umfaßt im wesentlichen die Käufe der privaten Haushalte (Haushalt,
1.) von Gütern (ohne Käufe von Grundstücken, Gebäuden und Wohnungen). Vom Konsum sind die Konsumausgaben zu unterscheiden: beide Begriffe stimmen wegen der Existenz dauerhafter Konsumgüter (z.B. Autos; Gut) nicht notwendigerweise überein. Beträgt die Betrachtungsperiode z.B. ein Jahr, so rechnet strenggenommen nur die Leistungsabgabe des dauerhaften Konsumgutes innerhalb dieses Jahres zum Konsum. Bei der statistischen Erfassung des privaten Konsums wird dieser Unterscheidung indessen nur beim Verzehr von Wohnungsleistungen durch die Anrechnung von tatsächlichen oder fiktiven Mietaufwendungen Rechnung getragen. Der staatliche Konsum stellt den Wert der von öffentlichen Haushalten (Haushalt ,
3.) unentgeltlich zur Verfügung gestellten Dienstleistungen dar; er bleibt im folgenden unberücksichtigt. Eine allgemein akzeptierte Hypothese über das Konsumverhalten besagt, daß die Konsumausgaben Ci eines Haushaltes i umso größer sind, je höher sein verfügbares Einkommen Yi ist. Eine solche Beziehung läßt sich als einzelwirtschaftliche Konsumfunktion Ci =Ci(Yi) mit dCi/dYi > 0 darstellen. Eine spezielle Form dieser Konsumfunktion ist ihre linearisierte Version Ci = Cai + ciYi . Hierbei ist die Größe ciYi der einkommensabhängige Konsum. Die Größe ci bezeichnet man als die marginale Konsumquote. Sie gibt die Änderung von Ci auf Grund einer Änderung von Yi um 1 Einheit an. Man erhält sie auf Grund der Differentiation der Konsumfunktion, d.h.   . Davon zu unterscheiden ist die durchschnittliche Konsumquote Ci/Yi , also der Anteil der Konsumausgaben am verfügbaren Einkommen dieses Haushalts. Marginale und durchschnittliche Konsumquote stimmen wegen des autonomen Konsums Cai nicht überein. Ökonomisch stellt Cai den Betrag dar, den der Haushalt i für Konsumausgaben aufwenden würde, wenn er kein Einkommen hätte und sie durch Vermögensabbau (Vermögen) bzw. Kreditaufnahme (Kredit) finanzieren müßte. Während die marginale Konsumquote in der Konsumfunktion konstant ist, sinkt die durchschnittliche Konsumquote mit steigendem Einkommen, da Ci/Yi = Cai/Yi und nähert sich mit steigendem Einkommen der marginalen Konsumquote dieses Haushalts. Faßt man alle individuellen privaten Haushalte zu einem Sektor zusammen (Aggregation), so erhält man stattdessen die gesamtwirtschaftliche Konsumfunktion   mit den entsprechenden gesamtwirtschaftlichen Variablen C und Y und den Quoten c und C/Y. Das folgende Schaubild enthält die graphische Darstellung dieser Konsumfunktion.                        
Konsumtheorie

Eine Regressionsschätzung (Regressionsanalyse) für die Bundesrepublik mit Hilfe von Quartalswerten von C und Y (saisonbereinigte, reale Pro-Kopf-Werte) erbrachte für den Zeitraum 1960 bis 1984 einen mittleren Wert der gesamtwirtschaftlichen marginalen Konsumquote von
0. 84 (die gesamtwirtschaftliche durchschnittliche Konsumquote fiel in dem genannten Zeitraum von
0. 91 auf
0. 89). Unterschiede in den Werten für beide Quoten erhält man, wenn unterschiedliche Haushaltstypen (z.B. Rentnerhaushalte) der Schätzung zugrundegelegt werden.
3. Konsumhypothesen. Das unter
2. dargestellte Demonstrationsbeispiel einer gesamtwirtschaftliche Konsumfunktion basiert auf der von J.M. Keynes 1936 formulierten Hypothese, daß die realen Konsumausgaben von der absoluten Höhe des real verfügbaren Einkommens (bei Keynes beides in Lohneinheiten gemessen) abhängen und zwar dergestalt, daß mit steigendem Realeinkommen (Einkommen) die Konsumausgaben unterproportional zunehmen ("fundamentales psychologisches Gesetz"). Diese absolute Einkommenshypothese war indessen nicht in der Lage, einige empirische Beobachtungen zu erklären. So kamen z.B. S. Kuznets u.a. auf Grund empirischer Studien für die USA zu dem Schluß, daß entgegen der Ansicht von Keynes die durchschnittliche Konsumquote langfristig konstant sei und kurzfristig einen zur Konjunkturentwicklung (Konjunkturtheorie) antizyklischen Verlauf aufweise. Dies hat dazu geführt, daß nach Keynes weitere Konsumhypothesen formuliert wurden, um diese Beobachtungen zu erklären. Diesen Hypothesen ist gemeinsam, daß das verfügbare Einkommen als erklärende Variable aufgegeben wurde zugunsten einer differenzierteren und breiteren Einkommensdefinition. So betrachtet die Lebenszyklushypothese nicht das gegenwärtige Einkommen als Determinante des gegenwärtigen Konsums, sondern unterstellt, daß die privaten Haushalte bestrebt sind, die Konsumausgaben möglichst optimal auf ihre gesamte (restliche) Lebenszeit zu verteilen. Dies impliziert, daß auch das gesamte erwartete Lebenseinkommen als Entscheidungsgrundlage für das Konsumverhalten der gegenwärtigen Zeitperiode dient. Einen anderen Weg geht die permanente Einkommenshypothese, die das laufende Einkommen durch das permanente (Einkommen) oder normale Einkommen ersetzt, dessen Höhe durch individuelle Fähigkeiten (z.B. Schulbildung) und durch das vorhandene Geld- (Geldkapital ,
1.) und Sachvermögen (Kapital , II.) bestimmt wird. Abweichungen des tatsächlichen vom permanenten Einkommen werden als transitorische Komponenten bezeichnet, die positiv (z.B. Lottogewinn) oder negativ (z.B. auf Grund von Arbeitslosigkeit) sein können. Da sich die transitorischen Komponenten bei der Vielzahl der Haushalte i.d.R. ausgleichen, besteht eine stabile Beziehung zwischen permanentem Konsum und permanentem Einkommen. Lebenszyklushypothese und permanente Einkommenshypothese werden oft unter dem Begriff Normaleinkommenshypothese zusammengefaßt, die von der relativen Einkommenshypothese zu unterscheiden ist. Hier wird unterstellt, daß die Höhe des Konsums eines Haushalts auch von seiner Stellung in der Einkommenspyramide abhängt. Gehört jemand einer bestimmten Einkommensschicht an und übernimmt das Konsumverhalten dieser Schicht, dann ist seine durchschnittliche Konsumquote umso höher, je geringer sein Einkommen im Vergleich zum durchschnittlichen Einkommen dieser Schicht ist. Außerdem richten sich Konsumenten bei ihren Konsumentscheidungen zusätzlich auch nach dem höchsten in der Vergangenheit erzielten Einkommen, welches in einer wachsenden Wirtschaft dem der Vorperiode entspricht. Das hat zur Folge, daß sich insbesondere bei einem kurzfristigen Einkommensrückgang (z.B. in einer Rezession) der Konsum  wenn überhaupt  nur langsam an das niedrigere Einkommen anpaßt (Ratchet-Effekt). Ferner ist es möglich, daß Anpassungen der Konsumgewohnheiten an Einkommensänderungen Zeit benötigen, weil Konsumgepflogenheiten ziemlich träge reagieren (habit persistence Hypothese). Neben dem Einkommen als der Hauptdeterminante finden sich in der Literatur eine Reihe weiterer spezifischer Bestimmungsfaktoren des Konsums. Veränderungen in der Einkommens verteilung können den gesamtwirtschaftlichen Konsum beeinflussen, wenn die Umverteilung (Einkommensverteilungstheorie) Einkommensbezieher mit unterschiedlichen marginalen Konsumneigungen betrifft. Dasselbe gilt für das Vermögen und dessen Aufteilung, wobei sich die Ansätze hauptsächlich in der theoretischen Begründung für die Einbeziehung dieser Variable und ihrer Definition unterscheiden. Inflationserwartungen (Inflationstheorie,
2.) können eine Vorverlegung geplanter Ausgaben insbesondere für dauerhafte Konsumgüter zur Folge haben. Dieser Konsumerhöhung steht jedoch der negative Effekt einer Reduktion des Realeinkommens gegenüber. Dasselbe gilt für Zinssatzsenkungen: sie induzieren über verbilligte Konsumentenkredite zwar höhere Konsumausgaben, führen aber auch zu geringeren Vermögenseinkünften. Schließlich führen auch psychologische Faktoren wie z.B. ein optimistisches Konsumklima (bedingt durch eine positive Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung) oder Modewellen zu (kurzfristigen) Änderungen des Konsumverhaltens hinsichtlich einzelner Güter.

Literatur: Darstellungen der Konsumtheorie finden sich in jedem Lehrbuch der Makroökonomik, z.B. bei U. Westphal, Makroökonomik. Berlin u.a. 1988. Eine detaillierte Übersicht mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis ist der Beitrag von H. König, Konsumfunktionen. Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften 1977, Bd. 3, 513528. Neuere Entwicklungen werden in W. Franz, Neues von der Konsumfunktion, in: WISU, 11/1987, 577-582, aufgearbeitet.

 

 


 

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